Run dry #3 (2010)

Review von Marco D’Urso 29.01.2010

Run dry #3

Marco D'Urso

Die Lebenserfahrung drückt sich in künstlerische Form aus: Das passiert in „Run Dry“. In dieser multimedialen Veranstaltung drängt sich das vielfältige und gewaltige künstlerische Erlebte von Bernardo Coloma in einen organischen Einklang verschiedener Sprachen zusammen, um dann die Migrationserfahrung in all ihren Details und Dimensionen zu erforschen und darzustellen.

Entscheidende Eigenschaften jedes echten Kunstwerkes sind Einheitlichkeit und Einklang all seiner Elemente, namentlich die ursprüngliche Inspiration, die Auswahl der Motive und der Themen, derer Umwandlung in eine Sprache, ja in eine Kommunikationsform, die Darstellung jener ursprünglichen Inspiration.

Der Echtheit und dem Einklang dieser Elemente verdankt das Werk „Run Dry“ in erster Linie seinem erschüttenden Charakter. Der Grundsatz, auf dem es beruht, ist die menschliche Existenz, denn gerade aus ihr entstehen die Inspiration des Künstlers und die Solidität der behandelten Themen. Bernardo Coloma ist nicht nur tatsächlich ein Migrant, sondern ist es ihm auch gelungen, seine Migrationserfahrung zur Bestätigung des Künstler-Seins zu machen. Ursprüngliche Herausforderung war es für Coloma, das von ihm Erlebte und seine Erfahrungen als Migrant in ein Kunstwerk zu verwandeln. Bei diesem Prozess stützt er sich auf die Tatsache, dass Wandern und Künstler-Sein als Kategorien traditionell dicht aneinander, teilweise sogar übereinander liegen, als bestünde unter diesen ein Verhältnis der metaphorischen Aufklärung; das Ziel: seine eigenen Wurzeln und Identität in Frage zu stellen, sich selbst zu verlassen als Voraussetzung dafür, die extreme Geste des Schaffens zu wagen. Aus diesen ersten Trieben, einem kühnen Sprung ins Leere, entspringen natürlich die ewigen Motive des Wanderns, wie in einem Sprossungsprozess, wobei Wandern auch als Irren gemeint ist, im existenziellen und künstlerischen Sinne: das Verlieren jeder Sicherheit, die Bedenklichkeit jedes Gleichgewichtszustands, die Trostlosigkeit eines überwiegend einsamen Erlebnisses. Doch zugleich bedeutet dieses Irren wiederum auch das Entstehen neuer unerwarteter Möglichkeiten, der Rausch eines Flugs in unbekannten Räumen, das Erstaunen bei einer Begegnung, die die Einsamkeit zerstreut.

Die Kraft von „Run Dry“ liegt auch an seiner Fähigkeit, jene Dialektik zwischen Licht und Dunkelheit zu erforschen und zu repräsentieren, die bezeichnend ist für Wandern und Schaffen. Dies ergibt sich durch eine Vielfältigkeit von Sprachen (Wort, Musik, Tanz, Schauspiel, Bild), die Coloma mit Sicherheit beherrscht und nutzt, um zwei Elemente zu inszenieren: einerseits seine eigene Lebenserfahrung (in der seine multidisziplinäre Bildung eine wichtige Rolle spielt), anderseits, auf eine überindividuelle Ebene, die Leidenschaft für die Tradition und die Geschichte des künstlerischen Schaffens der Vergangenheit und der Moderne.

Doch was an diesem Werk durchaus überzeugend erscheint ist, dass es Coloma immer wieder gelingt, der Gefahr einer verdrehten Nebeneinandersetzung der verschiedenen Kunstdisziplinen stets zu entkommen. Er erreicht im Gegenteil eine gegenseitige produktive Ergänzung, in der jeder Kunstbereich mit dem anderen kommuniziert und dadurch zur Struktur und Entwicklung dieser Performance seinen Teil beiträgt. In den einzelnen, an der Performance beteiligten Künstlern (die aus den unterschiedlichsten Disziplinen kommen), treffen die Körper-, Musik-, Bilder- und Wortsprache zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen und weiterzuentwickeln.

Besonders eindrucksvoll ist zum Beispiel die Wiederholung von Szenen, in denen die Musiker gepackt und über die Bühne transportiert werden, als würden sie von den Gebärden der anderen anwesenden Künstlern lebendig gemacht; oder noch die Szene, in der ein Tänzer vom der Lebendigkeit der Musik, der Töne einer Klarinette, wieder belebt wird.

Die Musikinstrumente (ein Akkordeon, eine Klarinette, eine Posaune) scheinen durch ihre unharmonischen heraufbeschwörenden Klänge, die sich mit den auf dem Hintergrund vorgeführten Videos einstimmen, die Drehungen von diesen wandernden Körpern hervorzuheben, die in einen fremden Raum verdrängt worden sind. Bisweilen, als würden Lichtblitze augenblicklich die Dunkelheit erhellen, lassen sich schlichte melancholischen Melodien aus der Vergangenheit vernehmen, an denen ein postmoderner Geschmack, der nicht ungern zitiert, zu erkennen ist. Die Musikstücke von Couperin, Bach, oder Bellini stellen Bezugspunkte auf eine Zeit, die sich als festgestellt und bekannt zeigt, Zufluchtsort vor Ungewissheit und Instabilität eines unbekannten Raums.

Dieser unbekannte Raum muss vom Migranten erforscht werden, sein Körper, der alle Sicherheiten und Unwillkürlichkeiten hinter sich gelassen hat, muss sich an die Umstände jenes Raums erneut gewöhnen, um sich dann neu zu gestalten. Hindernisse können sich hier befinden (wie in dieser Szene: Viele Holzstöckchen werden auf dem Boden der Bühne in einer Form des Labyrinths gelegt, ihre Position ständig verändert, und dadurch wird die Bewegung der Künstler eingeschränkt), doch auch neue Wege und unerwartete Möglichkeiten und Begegnungen können sich ergeben.

So wird dieser Raum Schritt für Schritt von einem Gewirr halbnackter Körper durchquert; nur Staatsfahnen decken ihre Glieder, und somit ihr Fremdsein. Ihre Schatten in Bewegung werden gleichzeitig auf ein Bild der Berliner Mauer projektiert, als lebendige Graffitis, Zeichen von Pluralität und Aufgeschlossenheit, auf ein Symbol von Entfremdung und Abgrenzung.

Die Gefühle von Entfremdung und Entsetzen, die eigentlich auch die anfänglichen Gefühle eines Migranten sind, scheinen sogar als Provokation gegen das Publikum gemeint zu sein. Als die Künstler, jeder in seiner eigenen Sprache, über ihre Erfahrung als Migranten berichten, herrscht die unheimliche Stimmung eines modernen Babels der Sprachen.

Durch solche Interaktionen unter Körpern, Klängen, Wörtern und Bildern enthüllt sich die eigentliche Struktur der Performance, und sie entwickelt sich ohne Unterbrechungen weiter. Der Zusammenhang dieses Stücks mit der brechtschen Tradition ist auch daran zu erkennen: Jeder Künstler kann seinen eigenen Platz auf der Bühne gestalten, und ihn dann weiter verändern. Die Zwischenspiele, während derer die Struktur des Lebens- und Kunstraums aufgebaut und aufgelöst wird, sind Bestandteil der Veranstaltung, und genau so wichtig wie die Aktion, um Inhalte zu vermitteln.

Nicht zu unterschätzen ist die Triftigkeit dieser Struktur: Themen und Motive ihrer Erzählung verschlingen sich, alles Willkürliche wird vermieden, so dass sich die Selbstbeherrschung des Migranten-Künstlers stets stärker erweist, als die Angstzustände und die Auflösung, die sein Lebens-Werk bedrohen. Man denke, in diesem Zusammenhang, an die Übereinstimmung der anfänglichen Szene (da wird ein Kohlestift zerbröckelt, dessen schwarzer Staub auf ein am Boden liegendes weißes Tuch fällt) mit der wunderschönen Schlussszene. Hier wird eine Sängerin, die die Arie Ah non credea mirarti, aus der Oper La sonnambula von Vincenzo Bellini, anstimmt, selbst von Coloma an seinen Armen gepackt und über die Bühnenfläche begleitet. Auf ihrem weißen Mantel wird das fortlaufende sich Anhäufen von schwarzem Staub projektiert, bis das Weiße des Mantels völlig verdunkelt wird. Die Musikbegleitung verstummt langsam, nur die bloße Stimme der Sängerin bleibt, um sich endlich in die Stille aufzulösen.

Tanznetz 06.03.2010

Verlust der Heimat

Bernardo Coloma mit seiner Performance „Run dry # 3“ in der Bühne der Kulturen

KLAUS KEIL

Ein Vorwärtskommen scheint nicht möglich. Immer wieder stoßen die vier Performer auf Hindernisse, die sie zu einem Richtungswechsel zwingen. Zwar sind es nur symbolische Hindernisse in Form kleiner Hölzchen, die ein anderer wie einen Code nach und nach auf dem Boden auslegt. Doch sie scheinen unüberwindbar. Warum das so ist, erfährt man in dem Stück nicht. Wie in einer Endlosschleife bewegen sich die Akteure in meist roboterhaft wirkenden Bewegungen durch das Stück.

Der argentinische Choreograf Bernardo Coloma verbindet in seiner Performance „Run dry # 3“ Tanztheater, Musik und Live-Video. Inhaltlich geht es um Migration, um das Verlorengehen und Wiederfinden von Identität und kultureller Herkunft. Dazu bringen die Akteure aus Argentinien, Polen, USA, Belgien und Deutschland ihre Vita ein, erzählen am Mikro in ihrer Sprache von Wesentlichem und Unwesentlichem. Auch die Musiker (Florian Bergmann/ Klarinette, Hannes Lingens/ Akkordeon und Matthias Müller/Posaune), die auf der Bühne präsenter als die Performer wirken. Sie erzählen mit ihren Instrumenten mehr als die Performer mit ihren Bewegungen, aus denen nur einmal wirklich Tanz entsteht. Absurde Positionen nehmen die Musiker ein, lassen liegend das Akkordeon schnaufen, wippend die Posaune keuchen und gebeugt die Klarinette jammern. Dabei werden sie von den vier Performern gestützt und gehoben, gelegt und geschoben, so dass man sich gelegentlich an eine dadaistische Aktion erinnert fühlt.

Es ist nicht einfach, die Bedeutung der einzelnen Szenen zu entschlüsseln, die selten konkrete Aktionen, dafür oft abstrakte, unzusammenhängende Handlungen zeigen. Im Kontext des Themas kann das Zerbröckeln von verbranntem Holz wie ein Aufgeben der Heimat wirken. Mit der Asche wird gemalt, mit Wasser ein Kreis gezogen, die Hölzchen geworfen. Den roboterhaften Bewegungen folgen verknotete Gliedmaßen eines Paares. Disparate Szenen, die der Zuschauer selbst zusammenfügen muss. Schnell fühlt man sich dabei überfordert. Dann wieder fast poetische Momente: Jeder gibt ein Stück von sich, Jacke, Ausweis, Buch. Auf die Leinwand projiziert entsteht ein Stillleben bedrückender Einsamkeit. Und wenn später ein Vogelschwarm in kaltem Winterlicht dahinzieht, ist Nietzsches „Vereinsamt“ nicht weit. Es ist vor allem der Verlust der Heimat, von dem Coloma auf eine knappe, fast schon lakonische Weise ohne jegliche Sentimentalitäten erzählt. Sentimental wird es nur kurz zum Schluss, wenn die Sopranistin Tatjana Kiliani live (!) in glasklarem, höhensicheren Koloratursopran die Arie der Amina aus Bellinis Oper Sonnambula einfühlend und grandios singt. Aber auch die handelt von Einsamkeit.

Eigentlich ist „Run dry # 3“ nicht die dritte, sondern erst die zweite Version von Colomas Stück „Run dry“, das 2009 in New York uraufgeführt wurde. Es war der Beginn eines fortdauernden Recherche-Prozesses zum Thema Migration. Version # 2 scheint dem dialektischen Suchprozess zum Opfer gefallen zu sein. Version # 3 jedenfalls steuert konsequent auf Nietzsches Strophe „Weh dem, der keine Heimat hat“ zu.

tanznetz.de